In unserem wilden Garten, inmitten der Gemeinde, lebt eine unheimliche Schlange.

Sie ist dort schon seit einer Ewigkeit.

Viele Menschen wollen von ihr nichts wissen. Manchmal beobachte ich durch den kleinen Spalt im Fensterladen meine Nachbarn auf den Strassen.

„Hier gehörst du nicht her !“, rufen die Leute, während man mit Stöcken vor meiner Haustür diese Tiere bis zum Tode schlägt.

Sobald es wärmer wird, in der Zeit von Ostern bis Pfingsten, kommen alle Schlangen aus ihren Verstecken. Dann kann man viele tote Tiere auf den Strassen sehen. Die meisten wurden überfahren.

Meine Nachbarn erschlagen jede Schlange, denn „die sind hochgiftig und auch sehr gefährlich“, hat man mir erklärt.

„Hör‘ auf zu predigen wie ein Priester“, erwidern genervt die Nachbarn, wenn ich ihnen beim Töten meine Fragen stelle. Sie lesen dabei die Leichen auf und räumen die toten Schlangen aus dem Weg. Man will vermeiden, dass sich die Kinder erschrecken und es muss auch sauber bleiben.

Ich traue mich an solchen Tagen nur noch selten auf die Strasse. Ich lerne viel im Stillen und Geborgenen. Ich verbringe viele Stunden mit dem Lesen und gehe abends im Dunkeln auch manchmal bis zur Kirche.

„Was ist das für ein Wesen ?“, frage ich bestürzt den guten Priester, beschreibe ihm die Art und beschreibe ihm die Schlange

Ich zeige in die Richtung, von wo ich hergekommen war und deute auf die Strasse, die zu unserem Garten führt. Dann beschreibe ich den Weg zu mir, meine Liebe zur Natur und was mich sonst noch so beschäftigt.

„Was macht dir denn nur solche Angst ?“, belächelt mich der sanfte Mann.

Nach dem Gottesdienst sind die Einwohner des Dorfes alle ruhig. Die Kirche wird dann anständig verlassen und man kehrt wieder in sein Haus zurück. Ich begegne hier oft vielen Menschen nach den Gebeten und auch die Nachbarn sehe ich dort wieder.

„Geh‘ doch mal ins Kloster“, empfehlen mir die frommen Leute, als ich in Andacht an den Garten wieder meine Fragen in den Raum stelle.

Ich bin begeistert von diesem Gotteshaus. Ich mag die hohen Wände und die bunten Fenster. Der große Saal zum Beten hat es mir auch sehr angetan, aber so einen natürlichen, echten Garten gibt es dort leider nicht.

„Im Kloster gibt es einen großen Garten und auch viele Tiere“, preisen mir die Leute noch schnell zu, als sie sich auf den Weg in ihre Häuser machen.

„Kennst du das Kloster ?“, fragt mich nun der Priester vor der Kirche und schaut dabei auf die grosse Uhr am Kirchturm.

Man kommt mich auch besuchen und schaut sich gründlich um bei mir, doch in unseren Garten traut sich offenbar niemand mehr.

„Wollt ihr nicht die Schlange sehen ?“, verzweifle ich mit Fragen, „Kommt mit, ich zeige es euch !“, rufe ich jetzt meine Mitmenschen auf.

Am Eingang zu unserem Garten bleiben wir dann alle stehen. Keiner will der Erste sein und niemand möchte weitergehen. Ich zeige wieder auf die Spuren, und erzähle meine Geschichte.

Dabei male ich Schlangenlinien in die Luft.

Als ich am dunklen Abend dann in meinem Bett lag und wieder mal nicht einschlafen konnte, nahm ich mir ein weiteres Buch zu Herzen.

Dann hörte ich es wieder. Es war wie ein leises Knistern in unserem Garten.

Die Schlange war noch immer da.